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Ethik und Leibesübung

Elbtunnel / Foto: Tilman Köneke 2009

Urbannacht

| 4 Kommentare

Losgelaufen 23:45 Max-Brauer-Allee. Die Palmaille runter, am Fischmarkt vorbei und in den alten Elbtunnel. Treppab, vorsichtig, nicht ausrutschen. Ein Mann sitzt auf dem Treppenabsatz, hat seine Schuhe ausgezogen.
Elbtunnel / Foto: Tilman Köneke 2009
Ich grüße kurz, er schaut mich irritiert an. Unten angelangt mache ich ein Foto, laufe los. Niemand außer mir ist in der Röhre. Im alten Elbtunnel gibt es – zumindest in der einen Röhre – eine Stelle, die den Schall komplett zu eliminieren scheint. Ich denke zunächst an einen Hörsturz oder einen anderen Schaden.

Kurz vorm Ende erblicke ich die Tore für die Autoaufzüge, dahinter ist es stockfinster, wirkt wie tiefste Nacht oder ein bodenloser Abgrund. Beim Näherkommen sehe ich, dass es einfach ganz dunkle Wände sind. Rechts geht es die Treppen hoch, die andere Seite hat mich wieder. Auf der Rampe vor dem alten Zollgebäude sitzen zwei und spielen Schach oder Backgammon, ich kann es nicht genau sehen. Ich laufe am Blohm-und-Voss-Tor vorbei, auf der anderen Straßenseite ein HVV-Fahrkartenautomat. Er wirkt verloren und in seiner Orangeheit fehl am Platz.

Ein Radfahrer jagt auf dem Bürgersteig an mir vorbei (die Straße ist noch immer kopfsteingepflastert), ich versuche, unbeeindruckt zu bleiben, auch wenn meine Antennen in der Dunkelheit überempfindlich zu sein scheinen. Ich quere den Reiherdamm und tauche ab in die Unterführung unter der Ellerholzbrücke. Ein unangenehm süßlicher und ekelerregender Duft umgibt mich und lässt mich erst hinter der Polizeistation los. Ich blicke auf den Schwung der Köhlbrandbrücke und auf hell erleuchtete Schiffstorsos bevor ich rechts neben der Auffahrt zur Brücke abermals in eine Unterführung tauche. “Lynch”, fällt mir ein, leichtes Schaudern.

Dann bin ich beim Zoll, die haben einen LKW am Wickel, beachten mich nicht oder blicken nur kurz auf. Einige hundert Meter weiter links laufe ich über die Reiherstieg-Klappbrücke, links in einiger Entfernung das hell erleuchtete Hanseatic Trade Center, rechts – archaischer, imposanter – die Rethebrücke samt Speichergebäuden. Ich laufe weiter und stehe eine Viertelstunde später vor meiner Tür. 10,7km in 1h 8min.

4 Kommentare

  1. Schön & unwirklich. Ich habe da immer so eine Art Ekelfaszination. Aber weil alles so unwirklich scheint, habe ich da weniger “Probleme” zu laufen, als durch mir fremde Wälder. Nachts.

  2. Liest sich gut. Man hat das Gefühl, selber zu laufen.Da es für mich eine fremde Strecke ist,hat man doch ein sehr mulmiges gefühl. Da laufe ich lieber nachts durch den Wald.Da bin ich sehr gerne und fühle mich sicherer.Es macht richtigen Spaß hineinzuhöhren.Es ist doch immer spannend,was da so unterwegs ist.

  3. Ja, nachts laufen hat schon was eigenes. Da ich bald aus Wilhelmsburg wegziehe, werde ich hier noch ein paar Abschiedsrunden durch die Industrie drehen – so mit Sonnenuntergang o.ä. Falls jemand Interesse hat, darf er/sie gerne mitlaufen!

    Good run
    Tilman

  4. Eine starke Beschreibung des Nachtlaufs, wie ich finde! Schön geschrieben, das vermittelt durchaus die Eindrücke, die man da nachts erfährt.

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