Angekommen. Zuhause. Überstanden. Oder: Geschafft. Glücklich. Das Ereignis, auf das ich seit Wochen hinfieberte und das ich als dicken Brocken vor mir liegen sah, ist vorüber und schwingt trotzdem noch immer nach. 
Es war der Lauf, zu dem ich mich nach meinem ersten Marathon angemeldet hatte und heiß auf mehr war. Und nach dessen Anmeldung mich Hauke, erfahrener Ultraläufer, mit einer SMS (“Du Freak!”) bedachte. Ich wusste nicht so recht was ich nun davon zu halten hatte, ob es nun auf meine Leichtsinnigkeit schließen lassen sollte, oder ob er meinte, einen weiteren Seelenverwandten gefunden zu haben. Vermutlich eine Mischung aus beidem. Ich hatte damals etwas Angst vor der eigenen Courage. Eine SMS später: “Ich komme mit.” Ah! Prima!
Aber ich wusste auch: Mit guter Vorbereitung und etwas Disziplin könnte ich das schaffen. Ach Quatsch, “Disziplin”. Eher war es einfach der spontane Bock auf einen solchen Lauf, auf die Strecke, auf die Länge. Ich kannte die Umgebung von diversen Besuchen und wusste, dass es dort einfach sehr schön ist. Und hochmotiviert – ohne Zielzeit – ging ich an die Sache. Es ging (und geht) mir um die Bewältigung der Strecke und um das Erlebnis der Landschaft bzw. der Leute an sich, nicht um Zeiten.
Ich war bereits 2 Tage vor dem Lauf für ein verlängertes Wochenende angereist. Da ich Hauke am Abend vor dem Start in Empfang nehmen wollte, wurde die Nacht aufgrund seiner unverschuldet späten Ankunft kurz.
Um 8:00 fällt der Startschuss. Die Horde (ca. 120 LäuferInnen) rennt los – viel zu schnell, so sagt zumindest der Blick auf meine Uhr. Oder bin ich zu lahm?
Den Laufrucksack hatte ich zwar am Abend nochmal angetestet, aber zum Glück zuhause im Reisegepäck gelassen (danke ultraistgut, harzquerulant). Dabei hatte ich also nur einen Getränkegürtel mit 2 Flaschen, Handy, Candybar (Seitenbacher Banane-Cranberry) und 2 Taschentücher (Note2self: Nächstes Mal nur Handy + Taschentücher).
Am Morgen hatte ich mich dazu überredet, ein halbes Weißbrotbaguette mit Honig, 2 Bananen und 2 Becher Kaffee zu inhalieren. Dazu einen Liter Wasser. Kurz vor dem Lauf nochmals eine Banane.
Hauke läuft mit mir, und dass noch ein paar Leute hinter mir laufen, beruhigt mich. Wohl doch nicht zu langsam. Und wenn schon. Immer wieder muss ich mir – zumindest auf den ersten Kilometern – sagen: “Es geht hier nicht um Zeiten. Bleib locker.”
Bei km 27 eine Textnachricht an Mitfiebernde: “Über ein Drittel ‘rum und gute Laune”. Das erzwungene Frühstück macht sich bezahlt. Auch die kleinen Schokoladen- und Kola-Gaben zwischendurch. Sowie die Bananen- und Apfelstücke. Und der Becher Haferschleim mit Salz – da denke ich zunächst, es sei ein Isodrink, bis ich ihn probiere.
Hauke läuft mit “Marschgepäck” (Rucksack, Tasche vorne und hinten auf der Hüfte, zusammengeklappte Stöcker in den Händen) und ohne Startnummer. Trainiert für den Westweg (Pforzheim – Basel, insgesamt 300 km, 8000 Höhenmeter), hat alles so voll gepackt, dass es möglichst schwer ist (inkl. Olivenglas). Dementsprechend fragende Blicke und Fragen seitens einiger Teilnehmer (“Äh – planst du irgendwas?”).
Ausgegangen war ich von einer Durchschittspace von 7:00 min/km, gelaufen sind wir 6:50 brutto. Zwischendrin lag die Zeit zwischen 5:30 und 6:00.
Ab km 50 spüre ich ein Ziehen im rechten Oberschenkel und rechter Hüfte, ich ignoriere es erfolgreich. Als unangenehm und hart habe ich das Wiederanlaufen nach Pausen empfunden, jedoch beobachtet, dass es auf den letzten 15 Kilometern allerdings nicht mehr so schlimm war. Auch kein Zuckerschlecken war der ständige und unregelmäßige Wechsel von Asphalt auf Feldweg auf Beton auf Waldweg und zurück. Aber ich habe auch bemerkt, dass, je häufiger diese Wechsel stattfinden, man sich damit arrangiert – mal sehen, wie es sich bei dem nächsten Ultra anfühlt.
Ein paar Wahrnehmungsfetzen aus diesem 8,5-Stundenerlebnis blitzen immer noch auf, so z.B. ein Spinnennetz zwischen Bäumen im Morgenlicht oder “Google kann jetzt auch Flashfilme lesen”. Oder der Plausch bei einer Versorgungsstation (ca. km 60): “Ihr macht den Staffellauf, oder? Nee? Ihr seid da (soll heißen “um die Müritz”) ‘rum? Ihr seht ja noch so frisch aus. Ein paar mussten schon aufgeben…”. Und auch das noch: Zwei Teenie-Glatzen auf Fahrrädern mit Flaschen in der Hand kommen uns entgegen und stammeln “Ey, ihr habt das Bier vergessen”. Danke für den Hinweis.
Hauke wird irgendwann kurzzeitig schlecht, er hatte auch kaum etwas gefrühstückt. Nach einer Viertelstunde scheint es wieder zu gehen. Bei km 66 bekommen wir Familienunterstützung. Hauke schnorrt ‘ne Zigarette und rennt mit Kippe im Hals weiter. Vergisst dafür vor lauter Coolness seine Trailstöcke.
Ab km 66 war mir klar, dass ich es schaffen würde. Euphorie und selig-vor-sich-hin-lächeln. Polonaise, schubsen (ey, aua). Schon erstaunlich, was man mit nur 4,5 Stunden Schlaf schafft.
Tags drauf bin ich dann mit meiner Liebsten eine halbe Stunde durch den Wald gelaufen. Auch das funktionierte.
Was hat mir bei der Vorbereitung und beim Lauf selbst geholfen?
- Diese Seite von David Horton: The Ultimate Running Experience: Completing Your First Ultra-Marathon
- Täglich laufen (3 Wochen vorher angefangen)
- Support durch Familie und Freunde
- Auf andere hören
- Nicht zuviel auf andere hören
- Auf sich selbst hören
- realistisch bleiben
Grüße an: Anna-Catarina mit ihren zwei Huskies und an Jörg. Es hat Spaß gemacht mit Euch.
Danke an: Hauke, Frauke, Karla, Mary. Ihr wisst schon.
PS: Soll ich die Brockenchallenge laufen?

25 August, 15:50
So, diesmal herzlichen Glückwunsch zum 1. offiziellen Ultralauf. War doch gar nicht so schlimm oder? Brocken Challenge hats in sich.
Gruß
Holger
25 August, 16:05
Hallo, Tilman,
es ist vollbracht, habe dich gleich in der Ergebnisliste gesucht und gefunden, meine Freundin war auch zum zigsten Male mitgelaufen.
Erst einmal Willkommen im Club !
Du siehst, es ist halb so wild, der Bammel vor dem ersten Mal ist immer das schlimmste, läuft man aber und hat es erst einmal hinter sich gebracht, ist man stolz wie ein Spanier, und das kannst du sein. Gut gemacht, durchgehalten bis zum bitteren Ende, nicht zuletzt wegen der sehr, sehr guten Ratschläge erfahrener Läufer, gell ?
Nun hast du Blut geleckt,bin gespannt, was als nächste auf dem Plan steht, sicherlich noch ein paar Kilometer mehr – oder ?
Ein kleiner Trost, es wird bei jedem Mal besser, der Körper gewöhnt sich daran, aber leicht wird es nicht.
Ist es nicht gerade das, was wir suchen ?
Gute Erholung !
Gute Erholung
und nochmals herzlichen Glückwunsch !
P.S. Das mit dem Link zum Foto klappt wohl hier nicht, es gibt viele Fotos, wenn du wissen möchtest, wo, gib’ mir ein Zeichen !
25 August, 16:28
@Holger Danke für die Blumen! Ja, es war hart, aber nicht zu heftig. Über die BC werde in ein paar Wochen mal nachdenken. Bloß nichts überstürzen!
@ultraistgut Ebenfalls danke! Wie du siehst, habe ich noch keine besonderen oder konkreten Pläne. Und du hast Recht, Blut geleckt habe ich auf jeden Fall. Ist das normal, dass man schon einen Tag nach dem Ultra schon wieder Bock auf langes Laufen hat? Achso: Liebe Grüße von Hauke!
25 August, 17:01
Sagte ich doch, wer einmal Blut geleckt hat, der hält bald (am nächsten Tag ich weniger !) Ausschau nach dem nächsten. Lass’ dir Zeit, suche dir vielleicht lieber einen flacheren, dafür längeren. Egal, du wirst schon wissen, was du möchtest..
Hauke kommt mir sehr bekannt vor, aber ich kann ihn nicht unterbringen, wie heißt er noch, wo kommt er her ?
Hier der Link zu vielen Fotos vom Müritz-Lauf, darunter auch eines von dir, zumindest, was ich entdeckt habe !
http://picasaweb.google.de/Zeitungsdieb/100_km_Leipzig_2009#
25 August, 19:30
He, super, das hätte mich auch dieses Jahr gereizt..
Eine Frage an Hauke…
Wir wollen zu dritt auch den Westweg machen.
Wie weit ist erdenn mit der Vorbereitung?
26 August, 13:28
@Ultraistgut: Ordne mich mal unter 24h Läufe in Norderstedt und Stadtoldendorf ein :-)
@Uusi: Er hat fertig. Jetzt nur noch lockere 10k Runden mit 450 Hhm am Tag. Montag geht`s dann los.
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